
Vor 80 Jahren entstand die Glückskette in einer Zeit, die von den Folgen des Zweiten Weltkriegs geprägt war. Armut und Not waren weit verbreitet,auch in der Schweiz. Die beiden Radiomacher Jack Rollan und Roger Nordmann wollten diesem Leid nicht tatenlos zusehen. Ihre Idee war ebenso einfach wie kraftvoll: Menschen sollten anderen Menschen helfen können: Eine Kette der Solidarität sollte entstehen, die nicht abreisst – die Glückskette war geboren.
80 Jahre später sind die Herausforderungen andere. Kriege, Naturkatastrophen, Klimawandel, Flucht und wirtschaftliche Unsicherheit prägen unsere Zeit. Krisen erscheinen immer weniger als Ausnahme und immer mehr als Dauerzustand.
Was macht das mit unserer Solidarität? Und ist die Idee, auf der die Glückskette vor 80 Jahren gegründet wurde, heute noch tragfähig?
Um dies herauszufinden, haben wir gemeinsam mit gfs.bern und dem Center for Philanthropy Studies der Universität Basel eine repräsentative Studie durchgeführt. Das Resultat – unser Solidaritätsbarometer 2026 – gibt eine bemerkenswert klare Antwort auf diese Frage.
Solidarität hält die Schweiz zusammen
95 Prozent der Bevölkerung halten solidarisches Handeln für wichtig für das gesellschaftliche Zusammenleben. Dieser Grundkonsens reicht über Generationen, politische Einstellungen und Sprachregionen hinweg.

Das heisst nicht, dass alle unter Solidarität genau das Gleiche verstehen. Manche betonen Eigenverantwortung oder Gegenseitigkeit stärker, andere verstehen Unterstützung umfassender und bedingungsloser. Auch die «Reichweite» unterscheidet sich: Manche verstehen Solidarität über Landesgrenzen hinweg, für andere steht die Solidarität innerhalb der Schweiz stärker im Vordergrund.
Zwischen unserem Wunsch nach einer solidarischen Gesellschaft und unserer Wahrnehmung im Alltag besteht zudem eine Lücke. Nur 68 Prozent empfinden die Schweiz als Ganzes als solidarisch. Je näher uns Menschen sind, desto stärker erleben wir Solidarität: 85 Prozent im Freundeskreis, 82 Prozent in der Familie. Im öffentlichen Raum sind es noch 21 Prozent, in den sozialen Medien gerade einmal 7 Prozent.

Kein Anzeichen für eine allgemeine «Solidaritäts-Fatigue»
Dauerkrise, Polykrise, Omnikrise: Solche Wortschöpfungen weisen darauf hin, dass Krisen von vielen als häufiger und schwerer wahrgenommen werden als früher. Auch der Solidaritätsbarometer bestätigt dies. 86 Prozent der Bevölkerung haben den Eindruck, dass die Zahl der Krisen und Notlagen zugenommen hat. 59 Prozent fühlen sich durch die verschiedenen Krisen persönlich belastet.
Trotzdem ziehen sich die Menschen nicht aus der Solidarität zurück. Drei von vier Personen finden es gerade in Krisenzeiten wichtig, sich solidarisch zu zeigen. Und bei beinahe neun von zehn Personen ist die Spendenbereitschaft gleich geblieben (60 Prozent) oder sogar gestiegen (28 Prozent).
Die Krisen führen also nicht zu einer Erosion der Solidarität.
Der Barometer zeigt aber auch: Die vielen Krisen hinterlassen Spuren. 85 Prozent haben das Gefühl, nicht überall helfen zu können. 78 Prozent wägen stärker ab, wofür sie sich engagieren. Und 61 Prozent fragen sich manchmal, ob ihre Hilfe überhaupt etwas bewirkt.
Wenn eine Krise die nächste jagt, stellt sich also irgendwann die Frage: Wo soll ich anfangen? Wo wird meine Unterstützung wirklich gebraucht? Und kann mein Beitrag überhaupt etwas verändern?
Die Herausforderung ist deshalb nicht fehlende Solidarität, sondern Hilflosigkeit angesichts einer Welt voller Krisen.
Von der Hilflosigkeit zum Handeln
Damit führt uns der Barometer zurück zu der Idee, mit der vor 80 Jahren alles begann.
Die Glückskette muss Solidarität nicht schaffen. Sie ist da. Unsere Aufgabe ist es, aus ihr gemeinsames Handeln entstehen zu lassen.
Der Solidaritätsbarometer zeigt uns, wie wichtig es ist, angesichts der vielen Krisen konkrete Möglichkeiten zum Handeln aufzuzeigen. Wir können Orientierung geben, zeigen, wo Hilfe nötig ist, und sichtbar machen, was gemeinsames Handeln bewirken kann.



